
07.07.2010
USA: Arbeitsmarktkrise sorgt für dauerhaftes Zins-Tief
Auch heute überraschte der Aktienmarkt mit einer rasanten Kursänderung. Die europäischen Indizes lagen lange Zeit klar im Minus, doch dann sorgten positive Nachrichten aus der amerikanischen Banken-Branche für einen Sprung in die Gewinnzone. Der DAX schloss nur knapp unter der 6.000-Punkte-Marke. Heute liegen auch die US-Indizes in den ersten Handelsstunden deutlich im Plus. Der Dow Jones ist aber noch ein ganzes Stück von der 10.000-Punkte-Marke entfernt. Ein Belastungsfaktor ist der amerikanische Arbeitsmarkt.
So wurde gestern der ISM-Index veröffentlich, der als wichtiger Konjunkturindikator gilt. Der Rückgang von 55,4 auf 53,8 Punkte ist kein Drama. Alle Werte über 50 zeigen ein Wirtschaftswachstum an. Das Problem liegt im Detail. Der Teil-Index, der die Beschäftigungsaussichten misst, ist unter die 50-Punkte-Marke gefallen. Die Aussichten für den US-Arbeitsmarkt trüben sich weiter ein.
Der Mythos vom flexiblen US-Arbeitsmarkt
Hier in Europa hat der US-amerikanische Arbeitsmarkt einen fast schon legendären Ruf. In Konjunkturkrisen werden die Arbeitskräfte schnell entlassen, aber im Aufschwung noch schneller wieder eingestellt. Aufgrund dieser Dynamik ist die US-Wirtschaft fast unschlagbar flexibel. Diese Einschätzung muss allerdings spätestens in dieser Krise relativiert werden.
Obwohl sich die Konjunktur seit einigen Quartalen erholt, liegt die offizielle Arbeitslosenrate der USA im Mai 2010 bei knapp 10% und die inoffizielle Rate sogar bei 17%.
Die strukturelle Arbeitslosenquote steigt
Bemerkenswert: Die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist deutlich gestiegen. Fast jeder zweite registrierte Arbeitslose kann als Langzeitarbeitsloser bezeichnet werden. In früheren Krisen erreichte die Zahl selten Werte von über 20 oder 25%. Im Mai 2010 kletterte die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit auf über 34 Wochen. Der alte Rekordwert aus dem Jahr 1983 lag bei 21 Wochen.
Arbeitsmarkt-Experten gehen daher davon aus, dass die strukturelle Arbeitslosenquote in den USA deutlich zulegt und auf über 6% steigt. Ein „Jobwender 2010“ ist nicht zu erwarten. Noch eine schlechte Nachricht für die amerikanische Wirtschaft.
Aktienmarkt wird nur kurzfristig belastet
Die negativen Arbeitsmarktdaten belasten in diesen Tagen die Aktienkurse an der Wall Street. Das muss aber nicht so bleiben. Denn: Die hohe Arbeitslosenquote hat Folgen. Die US-Notenbank wird an der 0-Zins-Politik festhalten. Bisher galt eine deutliche Zinserhöhung im 2. Halbjahr 2010 als sicher. Daran habe ich nach den neuesten Zahlen große Zweifel.
Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass die Zins-Wende erst 2011 eingeleitet wird. Verschlechtern sich die Konjunkturdaten, können massive Zins-Erhöhungen sogar in das Jahr 2012 verschoben werden.
Die Folgen: Die großen Geschäftsbanken wären die großen Gewinner. Je länger die 0-Zins-Politik anhält, desto leichter können die Bilanzen mit den hohen Zins-Gewinnen (billig Geld leihen, teuer verleihen) saniert werden.
Versicherungen werden in den Aktienmarkt gezwungen
Die großen Versicherungen und Pensionskassen werden zermürbt. Wie mehrfach hier im Schlussgong geschrieben, investieren die Versicherungen aktuell kaum noch in Aktien. Wenn aber die 0-Zins-Politik länger anhält, müssen die Versicherungen irgendwann umschichten, da sie mindestens 3 bis 5% Rendite pro Jahr brauchen. Das sitzt bei Staatsanleihen aktuell nicht drin.
Kurzfristig muss der US-Aktienmarkt mit Gegenwind kämpfen. Mittelfristig treiben die niedrigen Zins-Renditen die Anleger jedoch in den Aktienmarkt. Die Nachfrage – und damit die Kurse – werden dann steigen.

