10.11.2010

Europäische Schuldenkrise: China nutzt die Gunst der Stunde

 

Die Aktienmärkte präsentierten sich heute bis zum späten Nachmittag wieder sehr stark. Doch Kursabschläge an der Wall Street in New York lösten auch in Europa Gewinnmitnahmen aus. Die europäischen Indizes drehten deutlich ins Minus. Für den Stimmungswechsel sorgten neue Sorgen um die Finanzkraft der Euro-Staaten. Portugal und Irland sind momentan die größten Sorgenkinder. Es gibt Handlungsalternativen wie die Euro-Anleihen, die ich Ihnen gestern hier im Schlussgong vorgestellt habe, aber jeder Lösungsansatz hat auch Nachteile.

 

Portugal muss immer höhere Zinsen zahlen

 

Auf den ersten Blick war es eine gute Nachricht: Portugal konnte am Kapitalmarkt knapp 1,25 Mrd. Euro einsammeln. Damit ist das Euro-Land 2010 durchfinanziert. Neue Schulden müssen erst 2011 aufgenommen werden. Erstaunlich: Portugal hätte heute sogar über 2 Mrd. Euro einsammeln können.

 

Nicht ganz so erstaunlich ist die „Großzügigkeit“ der Investoren, wenn wir auf die Details blicken. Die portugiesische Schuldenagentur IGCP teilte heute mit, dass eine langlaufende Anleihe mit einem Volumen von 686 Mio. Euro mit Fälligkeit 2020 platziert wurde. Die Zins-Rendite lag bei üppigen 6,806%. Im September musste Portugal nur 6,242% zahlen.

 

Das Vertrauen schwindet

 

Noch deutlicher wird der Vertrauensverlust der Investoren, wenn Sie die Anleihe mit Laufzeit 2016 unter die Lupe nehmen. Das Volumen lag bei 556 Mio. Euro. Portugal muss im Gegenzug 6,156% Zinsen zahlen. Im August reichten aber 4,371%, um Anleihen-Käufer anzulocken.

 

Das bedeutet: Auf langfristige Sicht gilt Portugal schon lange als schwacher Schuldner und muss daher hohe Risikoprämien zahlen. Neu ist dagegen, dass auch Anleihen mit mittleren Laufzeiten nur mit Risiko-Prämie platziert werden können. Die Investoren glauben also, dass Portugal früher in Zahlungsschwierigkeiten kommt.

 

China bietet sich als Retter an

 

Wer die neuen Staatsanleihen gekauft hat, ist noch unklar, aber ein Käufer könnte China sein. Erst kürzlich hat der chinesische Staatspräsident Hu Jintao Portugal besucht und Hilfe angeboten. Peking sei bereit, „mit konkreten Maßnahmen“ zu helfen. Dank der riesigen Devisenreserven kann China weltweit den Retter spielen.

 

Das Hilfsangebot erinnert an die Situation in Griechenland. Als Griechenland dringend Kapital brauchte, hat China ebenfalls Hilfe angeboten. Diskutiert wurde über den Ankauf griechischer Staatsanleihen, aber auch über den Kauf von Infrastruktureinrichtungen (zum Beispiel Häfen).

 

China beeinflusst die EU

 

Neben Griechenland und Portugal soll auch Spanien Hilfs-Angebote aus China erhalten haben. Auf der einen Seite müssen wir froh sein, wenn jemand den EU-Staaten Geld leiht, auf der anderen Seite entstehen so neue Risiken.

 

Wenn sich die verschuldeten EU-Staaten immer mehr Geld von China leihen, steigt die Abhängigkeit. Was ist, wenn China in Krisensituationen mehr verlangt als einen hohen Zins-Satz? Politische Entscheidungen könnten dann auf EU-Ebene im Sinne der Chinesen getroffen werden.

 

China darf das gute Blatt nicht überreizen

 

Man kann schon nervös werden, wenn man untersucht, welche Länder sich Geld von China leihen. Die amerikanischen Staatsanleihen wandern schon seit vielen Jahren in das Reich der Mitte. China könnte mit den ganzen Dollar-Reserven die US-Währung zum Einsturz bringen. Die Yen- und Euro-Reserven steigen ebenfalls.

 

Allerdings dürfen die Chinesen das Blatt auch nicht überreizen. Wenn die US-Währung angegriffen wird, lösen sich die schönen chinesischen Währungsreserven einfach in Luft auf. Wenn die Wirtschaft in Japan oder Spanien abgewürgt wird, weil der Kredithahn plötzlich zugedreht wird, fallen diese Länder als Handelspartner aus. Und China braucht Käufer für die heimischen Produkte.

 

Fazit: Die Macht der chinesischen Regierung wächst von Jahr zu Jahr. Die EU muss aufpassen, dass der China-Faktor nicht zu dominant wird. Wenn aber China das Blatt überreizt, verlieren alle.