
09.11.2010
Europa-Anleihe: Die große Gefahr für den Euro
Der DAX präsentierte sich heute erneut von seiner besseren Seite. In der Spitze testete der deutsche Leitindex schon die Marke von 6.800 Punkten, konnte dieses Niveau aber nicht bis zum Schlussgong halten. Zum Handelsschluss notierte der DAX mit 0,55% fester bei 6.787 Punkten. Im Zentrum des Interesses standen einmal mehr die sehr starken Quartalszahlen einer Reihe deutscher Unternehmen, die DAX und Co. Auftrieb gaben. Belastend wirkte dagegen die Schuldenkrise in Irland.
Kapitalmarkt entzieht Irland das Vertrauen
Der Markt für irische Staatsanleihen kommt nicht zur Ruhe. Mittlerweile liegt die Rendite der irischen Staatspapiere bei knapp 8%. Gegenüber deutschen Staatsanleihen entspricht das einem Aufschlag von rund 5,5 Prozentpunkten. So groß war die Zins-Differenz noch nie. Ein trauriges Allzeithoch.
Ich habe Ihnen hier im Schlussgong schon vor einiger Zeit geschrieben, dass es einen Rendite-Unterschied zwischen Irland und Deutschland geben muss. Die Bonität der Euro-Länder steigt nicht automatisch, nur weil eine Gemeinschaftswährung eingeführt wird. Ein Investment in irische Staatsanleihen muss aufgrund des höheren Risikos auch eine höhere Rendite aufweisen. Trotzdem: Die aktuelle Entwicklung ist sehr gefährlich.
Irland ist angezählt
Es wird bereits spekuliert, wie Irland sich zukünftig frisches Geld besorgen will. Viele Analysten haben schon den Countdown eingeleitet. Bis Anfang nächsten Jahres hat Irland noch Zeit, die Investoren zu überzeugen, dass es die Schulden aus eigener Kraft in den Griff bekommt. Dann muss frisches Geld zur Finanzierung bestehender Schulden her. Wenn die Kapitalgeber 8% verlangen, lohnt sich der Gang zum Kapitalmarkt nicht. Eine solche Zins-Belastung kann der irische Staat nicht tragen.
Bisher glauben nur wenige Investoren, dass Irland es wirklich gelingt, die jährliche Neuverschuldung bis zum Jahr 2014 von derzeit 32% auf nur noch 3% zu drücken. Allein der Bankensektor wird mit mehreren Milliarden gestützt. Wie viel Geld in die maroden irischen Banken noch fließen muss, ist ungewiss. Am Ende muss Irland wohl auf den europäischen Rettungsfonds zurückgreifen, um den offiziellen Staatsbankrott zu verhindern.
Der „Ausweg“ Europa-Anleihe
Ein anderer „Ausweg“, der Irland noch retten kann, ist die Begebung einer gemeinschaftlichen Europa-Anleihe. Geht es nach dem Vorsitzenden der Euro-Gruppe, Jean Claude Juncker, sollen nach dem Solidaritätsprinzip alle Länder für einen Teil der Gesamtschulden der Euro-Länder haften.
Dann würde der Unterschied zwischen der Zins-Rendite irischer und deutscher Staatspapiere wieder fallen, weil die Bonität finanzschwacher Länder durch die Mit-Haftung der stärkeren Länder gestärkt wird. Laut Juncker wird dadurch die Investition in Euro-Anleihen attraktiver. Gleichzeitig werden, so die Hoffnung einiger Politiker, aufgrund einer Haftungsgrenze die Regierungen zum Sparen angehalten.
Deutschland stellt sich gegen Euro-Anleihe
Bundeskanzlerin Angela Merkel und Wirtschaftsminister Rainer Brüderle sehen das ganz anders. Eine Europa-Anleihe führt nicht zu zusätzlichen Sparanstrengungen, sondern belohnt Länder, die unsolide haushalten.
Dieser Vorwurf ist berechtigt. Länder, die im Windschatten einer guten deutschen Bonität fahren können, verlieren den Anreiz, den eigenen Haushalt zu sanieren. Das Geld bekommt der einzelne Staat, die Schuld tragen alle. Zudem wird die Kreditaufnahme für Deutschland auf dem internationalen Kapitalmarkt teuerer.
Unkalkulierbare Risiken durch Euro-Anleihe
Kurzfristig betrachtet kann die Europa-Anleihe zwar helfen, die Schuldenprobleme von Ländern wie Griechenland, Portugal und Irland zu überdecken, aber langfristig droht eine Katastrophe. Wenn die Schulden-Hemmschwelle aufgrund der gemeinschaftlichen Haftung noch weiter sinkt, wird das Risiko eines Euro-Kollaps unkalkulierbar.
Die Bonität des einzelnen Staates spielt dann nur noch eine untergeordnete Rolle. Eine Euro-Anleihe beschleunigt den Domino-Effekt. Schon jetzt kann die Flucht Irlands unter den europäischen Rettungsschirm auch Portugal zu Fall bringen. Mit der Europa-Anleihe wird es im Ernstfall keinen Ausweg mehr geben. Das System Euro-Anleihe hält nur so lange, bis auch das deutsche Schulden-Image so sehr beschädigt ist, dass sich keiner mehr refinanzieren kann. Dann bricht das System endgültig zusammen.
Die Crash-Propheten wird es freuen. Kommt die Euro-Anleihe, wird der Euro-Niedergang noch beschleunigt.

