
27.09.2010
5 Nebenwerte-Favoriten aus Österreich – RHI
Viele österreichische Firmen aus der zweiten Reihe stehen zu Unrecht bei den deutschen Analysten nicht auf der Beobachtungsliste. Das hat nichts mit der Qualität der Unternehmen zu tun. Deswegen möchte ich Ihnen in dieser Woche fünf Unternehmen vorstellen, die einen genaueren Blick wert sind. Dabei geht es nicht um konkrete Kauf-Empfehlungen. Ich möchte Sie nur ermuntern, sich etwas intensiver mit diesen Unternehmen zu beschäftigen.
Weitergehende Analysen finden Sie in meinen Börsendiensten „Der Depot-Optimierer“ und „Morriens Power-Depot“. Im ersten Teil der Serie stelle ich Ihnen RHI vor, dessen jüngere Geschichte ruhig weniger spannend hätte sein können.
RHI verbrennt sich auch bei 1.200 Grad nicht die Finger
Bei RHI geht es heiß zu. Der Wiener Konzern hat sich auf Feuerfestprodukte spezialisiert und ist damit weltweit führend. Überall dort, wo Stahl, Glas und andere Rohstoffe bei hohen Temperaturen weiterverarbeitet werden, sind die Produkte der Österreicher gefragt.
Sowohl die Bilanzsanierung als auch die operative Entwicklung zeigen, dass RHI in dem sehr zyklischen Geschäftsbereich zu den Favoriten gehört. Beweis dafür ist das erfolgreiche Geschäftsmodell, das hohe Gewinne abwirft und ein Management, das auch in Krisenzeiten nicht den Kopf verliert. Nur so ist es zu erklären, dass der Wiener Konzern heute überhaupt noch als eigenständiges Unternehmen agieren kann.
US-Abenteuer führt fast zum Untergang
Das ehemalige Management der Radex Heraklith Industriebeteiligungs AG (seit 1998 nur noch RHI AG genannt) hätte sich vor gut 10 Jahren fast verzockt und die Zukunft des Unternehmens verspielt. Mitte der 90er-Jahre setzten die RHI-Manager alles auf die Karte Wachstum. 1995 wurde die Mehrheit beim deutschen Konkurrenten Didier übernommen (erst kürzlich, im August 2010, hat RHI per Squeeze-out-Verfahren den Anteil bei Didier auf 100% erhöht) und 1999 folgte die Übernahme des US-Konkurrenten GIT.
Die GIT-Übernahme erwies sich aber schnell als existenzbedrohend. Die Schuldenlast wurde immer drückender, aber noch schlimmer: Die neue US-Tochtergesellschaft wurde mit Asbest-Klagen überschüttet. In den 60er- und 70er-Jahren hatte das Unternehmen – wie damals üblich – das Krebs erregende Asbest für Isoliermaterial und Feuerfestprodukte verwendet.
Ende 2001 eskalierte die Situation bei RHI. Der Schuldenberg wuchs gewaltig und der Jahresverlust stieg weit in den dreistelligen Millionenbereich. RHI zog die Notbremse: Der Geldfluss Richtung USA wurde gestoppt und das Unternehmen beantragte ein „Chapter 11 Verfahren“ (dieses Kapitel des US-Insolvenzrechts regelt das Ausgleichsverfahren, wenn der eigentliche Kern des Unternehmens überlebensfähig ist.)
Verschuldung gesenkt - Bilanz gestärkt
Mit dieser Notbremsung konnte RHI die schwerste Krise in der Unternehmensgeschichte meistern. Zurück blieben der Schuldenberg und ein negatives Eigenkapital. Der Schuldenabbau und die Sanierung der Bilanz wurden zur Daueraufgabe.
Das RHI-Management hat den Kampf angenommen und gewonnen: Der Großteil der Schulden wurde getilgt. Auch 2010 schreitet die Sanierung mit großen Schritten voran: So liegt die derzeitige Nettoverschuldung in Höhe von 234 Mio. Euro knapp 25% unter dem Vorjahresniveau.
Zwar ist die Eigenkapitalquote mit 22% immer noch nicht komfortabel (wünschenswert wäre eine Quote von mindestens 30%), bedeutet aber einen Zuwachs von fast 60% im Vergleich zu 2009. In diesem kurzen Zeitraum wurde das Eigenkapital von 197 auf 314 Mio. Euro erhöht. Die Tendenz geht also ganz klar in die richtige Richtung. Nur zur Erinnerung: Noch vor 4 Jahren war das Eigenkapital bei RHI negativ.
Operativ läuft das Geschäft schon lange rund
Die Stärkung der Bilanz ist natürlich nicht möglich, wenn die Geschäfte nicht erfolgreich laufen. Die aktuellen Geschäftzahlen zeigen aber, dass sich RHI auf der Überholspur befindet. So hat der Konzern im ersten Halbjahr den Umsatz um 22,5% erhöhen können und den Gewinn mehr als verdreifacht. Wenn das Unternehmen den Gewinn auch in der zweiten Jahreshälfte so hoch wie im ersten Halbjahr hält, ergibt sich ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von unter 10.
Die Unternehmensgeschichte ist also spannend und war bisher gekennzeichnet von Höhen und Tiefen. Erst die Fast-Pleite, dann die Genesung, jetzt der Aufschwung. Wie geht es weiter mit dem Konzern? Ohne Skandale und Fehlgriffe stehen dem Unternehmen alle Türen offen. Das US-Abenteuer wird dem Unternehmen hoffentlich eine dauerhafte Lehre sein.

